Süden · Etappe 6 von 10
Etappe 6 - Ulm → Kempten (Allgäu)
Tag 6 begann dort, wo Tag 5 aufgehört hatte: mit dem Ulmer Münster. Diesmal allerdings nicht zu seinen Füßen, sondern mit bestem Blick von oben. Beim Frühstück auf der Dachterrasse thronte der zweithöchste Kirchturm der Welt über der Stadt und lieferte uns eine ziemlich eindrucksvolle Kulisse für den Start in den Tag.
Zum Auftakt führte uns die Route am Donaustadion vorbei und anschließend noch ein Stück auf den Donauradweg. Doch lange sollte uns die Donau heute nicht begleiten. An der Illermündung hieß es Abschied nehmen und einem neuen Fluss folgen. Die Iller hinauf. Kilometer für Kilometer. Und „hinauf“ war dabei durchaus wörtlich zu nehmen. Noch relativ unauffällig, aber stetig gewannen wir an Höhe und arbeiteten uns entlang des Flusses immer weiter Richtung Süden. Natur pur. Die Iller wurde zu unserem ständigen Begleiter. Wasser, Wald, Wiesen und Radwege bestimmten das Bild. Keine großen Städte, wenig Verkehr, dafür viel Grün und immer wieder der Blick auf den Fluss.
Irgendwann wartete dann ein weiterer kleiner Meilenstein unserer Tour: Grenzübertritt nach Bayern! Nach Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg war damit das nächste Bundesland erreicht. Ein neues Schild am Wegesrand, ein weiterer Strich auf der imaginären Tour-Landkarte - und natürlich ein guter Grund, die erfolgreiche Einreise angemessen zu würdigen.
In Illertissen bot sich dafür die passende Gelegenheit. Bierstopp. Nach der kurzen Erfrischung ging es zurück an die Iller und weiter flussaufwärts. Doch irgendwann verließen wir unseren treuen Begleiter für einen Abstecher nach Memmingen. Und dieser Umweg sollte sich kulinarisch mehr als lohnen. Beim Mittagessen wartete nämlich eine Entdeckung auf uns, die sich spontan ganz weit nach vorne in der bisherigen Tourverpflegung katapultierte: Krautkrapfen. Deftig. Schwäbisch-allgäuerisch. Sättigend. Und nach unserer einhelligen Bewertung, die beste Verpflegung der gesamten Tour.
Mit bestens gefüllten Energiespeichern verließen wir Memmingen und tauchten wieder ein in die Landschaft. Durch Wälder und Wiesen, vorbei an feuchten Flächen und durch Moorlandschaften führte uns die Route immer weiter nach Süden. Am Horizont zeichnete sich plötzlich etwas ab, das in den vergangenen Tagen noch nicht zu sehen gewesen war.
Erst schemenhaft. Dann immer deutlicher. Die Alpen. Unser erster Alpenblick der Tour.
Nach Rhein, Westerwald, Kraichgau und Schwäbischer Alb lag nun plötzlich das große Bergpanorama vor uns. Noch weit genug entfernt, um beeindruckend auszusehen - und nah genug, um klarzumachen, wohin uns unsere Reise inzwischen geführt hatte.
An der Iller entdeckten wir eine Kiesbank, die praktisch danach verlangte, sämtliche Tourpläne für einen Moment zu ignorieren. Räder abstellen. Schuhe aus. Und hinein in die Iller. Badestopp! Klares Wasser, Kies unter den Füßen und rundherum Allgäuer Natur - nach vielen Kilometern im Sattel hätte es kaum einen besseren Ort für eine Pause geben können. Einfach im Fluss stehen, abkühlen und für einen Moment vergessen, dass noch einige Kilometer vor uns lagen.
Die letzten Kilometer Richtung Kempten wurden abgespult, bis schließlich nach 105 Kilometern unser Tagesziel erreicht war. Und unser Timing hätte kaum besser sein können. Denn kaum waren wir in Kempten angekommen, bot der Himmel gleich noch sein eigenes kleines Spektakel: Sonnenfinsternis. Nach 105 Kilometern flussaufwärts durfte man das durchaus als angemessene Begrüßung verstehen.
Doch wer glaubte, damit sei das Tagesprogramm beendet, hatte die Rechnung ohne Kempten gemacht. Denn am Abend wartete Highlight Nummer drei - und vermutlich das lauteste des Tages: die Allgäuer Festwoche. Wir tauschten Radtrikots gegen Abendgarderobe und mischten uns unter Tracht, Tradition und Allgäuer Feierlaune. Zunächst gab es Live-Musik unter freiem Himmel, danach weiter im Festzelt. Musik, volle Bänke, Tracht, Bier und ausgelassene Stimmung.
Nach 105 Kilometern auf dem Rad standen wir plötzlich mitten in einem Allgäuer Festzelt. Wir waren im Allgäu angekommen.